Das Elektron

Dienstag, 22. März 2011

Kupfer

In einem sehr tiefen Berg lebte ein kleines Elektron. Es fühlte sich da wohl, es wanderte so von hier nach da. Es schaute sich alles an. Es war da schon lange im Berg.
Doch eines Tages hörte es ein Geräusch. Es war ein wummern und hämmern. Das Elektron wunderte sich und zog sich sicherheitshalber aber einmal in die Mitte zurück. Dort waren schon viele andere Elektronen, die leicht zitterten.
Auf einmal wurde es von einem riesigen Bohrer erfaßt und wurde aus dem sicheren Stein gerissen.
„Was ist denn hier los?“ wunderte es sich.
Doch keines der anderen Elektronen antwortete. Sie hielten sich alle an den Händen.
Als das Elektron nach unten fiel, ließ es die anderen Elektronen los. Und weil es das für besser hielt, hielt es sich an einer großen Kugel fest, die ganz in seiner Nähe war. Als es die Hand da hinstreckte war es als wenn es in eine riesige Kaugummikugel greifen würde. Ganz feste steckte es seine Hand da rein und ganz feste versuchte es sich in der Masse festzuhalten.
Dann wurde es mit allen anderen Steinen und Geröll in eine große Metallwanne gesteckt und auf Schienen im Berg hin und hergefahren. Das Elektron wußte gar nicht, dass der Berg so viele Löcher hat. Es hatte die noch nie bemerkt. Aber in der Wanne kam es im vor als wenn der Berg wie ein Schweizer Käse durchlöchert wäre. Das Elektron wunderte sich noch mehr. Aber am Meisten wunderte es sich, als es von der Wanne, die für das kleine Elektron schon riesig war, in eine noch größere Wanne geschüttet wurde. Und dann wurde es in einen Aufzug geschoben. Und mit rasend schneller Geschwindigkeit ging es nach oben. Das arme Elektron konnte sich fast nicht mehr festhalten und hatte riesige Angst nach unten zu fallen. Es war noch nie gefallen. Ob ihm das wohl weh tun würde?
Aber bevor er anfangen konnte sich darüber richtig Gedanken machen konnte stoppte der Aufzug auch schon und das Elektron wurde auf ein langes Förderband geschüttet. Das Förderband war ewig. Aber da es nicht so tief runterging entspannte sich das Elektron ein wenig und ließ seine Hand wieder etwas locker. Es schaute ein wenig hin und her. Und dann entdeckte es einen riesigen Turm. Und das Förderband ging genau da hin.
„Wozu ist der Turm denn da?“ fragte sich das Elektron. Aber es erwartete nicht wirklich eine Antwort. Von wem auch.
Der Turm kam näher und näher aber das Elektron konnte nichts erkennen. Das lag an einer Staubwolke, die um den Turm herumwaberte.
„Dann lasse ich mich halt überraschen“ dachte das Elektron und griff wieder fester in die Kaugummikugel hinein.
Und dann ging es los. Von ganz oben wurde Das Elektron immer wieder eine Ebene nach unten geworfen. Es wurde geschleudert, geklopft und gesiebt. Immer und immer wieder.
In den kurzen Momenten, als mal nichts los war schaute das Elektron mal wieder um sich und stellte fest, dass immer weniger Steine um es herum waren. Immer weniger und weniger wurden es. Und zuletzt fiel es mit ganz wenig anderen Teilen in eine große Box.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Kiste voll war. Und das Elektron stellte fest, dass nur gelbliche Steine darin waren.
„Das ist alles Kupfer“ hörte es eine Stimme sagen.
„Ok“, dachte sich das Elektron „ich bin also ein Kupfer.“
Und nach kurzen intensivem Nachdenken dachte es hinzu „... und was zum Teufel ist nun ein Kupfer?“
Doch bevor es sich darüber Gedanken machen konnte, wurde die Kiste zugemacht und es begann wieder zu rütteln und zu schwanken. Dem Elektron wurde beinahe schlecht. Und es konzentrierte sich darauf sich feste darauf sich an der Kaugummikugel festzuhalten. In der Dunkelheit konnte es gar nicht sehen und einschätzen wie lange es sich in der Kiste befand. Aber irgendwann wurde es wärmer und wärmer. Und dann wurde der Inhalt der Kiste mit einem Mal umgekippt und ausgeschüttet. Das Elektron schrie vor Schreck, weil die Kaugummikugel auf einmal wie blöd zu zappeln anfing. Krampfhaft versuchte es sich festzuhalten, aber der Kaugummiballen wurde immer weicher und irgendwann konnte es sich nicht mehr festhalten. Das Elektron schwamm in einer heißen Suppe. Nicht dass es das Elektron gestört hätte das es warm war - es konnte keine Wärme spüren. Nur die Kaugummikugeln sausten an ihm vorbei und rauf und runter und kreuz und quer. Immer wenn es wieder ein bißchen rumgeschwommen war mußte es anhalten weil so eine verrückte Kugel daherkam. Das Schwimmen fand es super schön. Nicht wie im Berg. Da konnte es immer nur von Kugel zu Kugel hüpfen. Hier konnte es sich frei bewegen. Es war herrlich.
Nach einer Weile beschloß es sich mal umzusehen. Es schwamm langsam auf die eine Seite, konnte aber nur eine feste Wand entdecken. Dann schwamm er auf die andere und dann geschah etwas Seltsames. Die Kaugummibälle zitterten immer weniger und bewegten sich alle gleichzeitig auf irgend etwas zu. Das Elektron wollte das eigentlich nicht und daher versuchte es dagegen anzukommen, aber es gelang nicht. Immer wieder wurde es von den Bällen aufgehalten, immer wieder wurde der Weg versperrt. Irgendwann gab das Elektron auf. Es ließ sich einfach treiben. Und dann merkte es, dass es auch langsam kälter wurde. Das hatte es gar nicht mitbekommen. Es schaute sich um sah, dass es sich in Richtung eines Auslasses bewegte. Wie bei einer großen Milchkanne strömte der See mit einem Wasserfall aus dem Becken in eine Rinne.
„Na dann wollen wir mal“ entschloß sich das Elektron und mit einem lauten „JIPEEE“ sprang es den Wasserfall hinunter.
Es rutschte und rutschte immer weiter und auf einmal kamen die Kaugummiballen immer näher. Das Elektron streckte die Hand aus, packte sich einen und hielt sich fest. So fühlte es sich sicherer. Der Fluß wurde kälter und kälter. Er wurde immer dünner und dünner. Und dann wurde der Fluß über verschiedene Rollen und Walzen geführt und das Elektron wurde zwischen vier Kaugummibälle gequetscht. Es schaute sich um und entdeckte, dass aus dem Fluß ein viereckiger Barren wurde, der immer weiter plattgewalzt wurde. Danach wurde aus einem dünnen breiten endlosen Band ein dünner Faden geschnitten. Aber nicht einer sondern ganz viele. Wie die Zacken in einem Kamm sah es aus. Und dann wurden die Fäden auf viele große Rollen gewickelt. Auch das Elektron wurde herumgewickelt. Herum. Herum und noch mal herum. Dem Elektron kam es vor wie bei einem Looping. Und schlecht wurde ihm auch. Das Elektron vor ihm fing auch schon an ganz schwer zu atmen und das hinter ihm wurde grün.
„Uaaah“ schrie es, als es wieder eine Runde machte. War das schnell.
Nach einer Weile hörte es auf sich zu drehen. Und die großen Rollen - sie waren fast so hoch wie ein Zimmer wurden wieder auf LKWs geladen und wieder ging die Reise los.
Das Elektron schaute ein bißchen nach draußen und wunderte sich, was es hier so alles gab. Früher dachte es ja, der Berg sei alles, aber es entdeckte Bäume, Straßen und Häuser. Auch Menschen liefen herum oder fuhren mit dem Auto. So was gab es im berg irgendwie nicht.
„Warum wachsen keine Bäume im Berg?“ dachte es sich.
Dann kam es wieder in eine große Fabrikhalle und dort wurde die große Rolle wieder in eine Maschine eingespannt. Und nun ging es wieder los. Die Rolle drehte sich. Diesmal nur andersrum. Das Elektron wußte nicht so genau, ob ihm das lieber war, denn nach einer Weile wurde ihm genauso schlecht wie vorher. Auf einmal ging es gerade aus.
„Ich bin wohl abgewickelt.“ Dachte es bei sich und sauste über ein langes Band in eine dunkle Röhre.
Weil das Elektron nichts mehr sehen konnte schaute es nach draußen und sah, dass der dünne Faden mit einem blauen Mantel überzogen wurde. Wie eine Schutzschicht. Der Faden daneben bekam einen Schwarzen und der auf der anderen Seite einen grün-gelben. Das sah lustig aus. Wie beim Fasching.
Die drei Fäden wurden dann zusammengeklebt und wieder aufgerollt.
„Kann das nicht bald aufhören?“ jammerte das Elektron vor ihm. Das Elektron hinter ihm hatte wieder diese grüne Farbe und es selbst wußte nicht genau wie ihm zu Mute war.
Es wurde eine lange Reise die nun kam. Wieder auf einem LKW, dann auf einem Wagon und schließlich wieder auf einem kleineren LKW wurde das Elektron durch die Gegend gefahren. Das Elektron dachte, dass es nie irgendwohin kam, aber schlußendlich wurde es auf eine große Baustelle transportiert.
Dort wurden viele Häuser gebaut. Das Elektron staunte nicht schlecht. Was man aus Steinen alles machen konnte.
Hin und wieder wurde die Rolle ein bißchen gedreht und ein Stück abgeschnitten.
„Was machen die da?“ wunderte sich das Elektron.
Das Elektron, das vor ihm war zitterte ein klein wenig. „Ich glaub ich hab Angst“ sagte es leise.
„Angst?“ fragte das Elektron zurück „Aber wir sind doch hervorragend von den großen Kaugummikugeln geschützt“ entgegnete das es, hielt sich aber sicherheitshalber ein bißchen fester an der Kugel fest.
Und dann passierte es.
Ein Mann zog feste an der Rolle, schnitt ein Stück hinter dem Elektron ab und trug das Elektron in ein Haus hinein.
„Hier das Kabel“ sagte er und übergab das Kabel mit dem Elektron einem anderen Mann. Der fummelte vorne und hinten an dem Kabel rum.
„Das ist kalt“ schrieen ein paar Elektronen ganz vorne. Und mit einem Ruck band er das Kabel oben an die Decke und das andere Ende an die Wand.
„So nur noch die Lampe“ sagte er und hängte eine Glühbirne an das eine Ende des Kabels.
„Und ich mache hier hinten den Schalter“ sagte der andere Mann und steckte das andere Ende des Kabels in einen Lichtschalter.
„Fertig“ sagten beide gleichzeitig.
„Nur noch schauen ob es funktioniert“
Und in dem Moment als es „Klick“ machte wurde das Elektron nach vorne gepresst. Und beim nächsten „Klick“ blieb es sofort wieder stehen.
„Klick“ nach vorne“
„Klick“ stehenbleiben.
Klick - Klick - Klick - Klick
Dem Elektron wurde ganz anders. Es ruckelte und zuckelte, wie wenn jemand nicht richtig Autofahren konnte.
„uah“ jammerte das Elektron vor ihm.
„Aua“ sagte das Elektron hinter ihm.
„Fertig - Paßt - nächster Raum“ sagten die Männer und verließen den Raum.
Das Elektron schaute sich wieder um. So wie es aussah waren sie in einem Stromkabel in einer Elektroinstallation in einem Haus eingebaut.
„Ich bin ja mal gespannt was als nächstes passiert“ freute sich das Elektron. „Das wird sicher spannend und interessant.“

Montag, 21. März 2011

Wind

Das Elektron hatte lange nichts zu tun. Das lag daran, dass erst einmal die Häuser fertig werden mußten und dann eine Familie einziehen mußte, bis wieder das Licht angemacht wurde. Doch eines Tages war es soweit.
Plötzlich - das Elektron langweilte sich gerade so - begann das Elektron vor ihm zu ziehen.
„Los geht’s“ schrie es vor Vergnügen und Aufregung.
„Was?“ sagte das Elektron hinter ihm ganz schlaftrunken. „Was geht los?“
„Keine Ahnung - aber alles ist besser als nichts.“
„Jipee“ schrie das Elektron vor ihm und begann ganz heftig an ihm zu ziehen. Das Elektron wurde mitgerissen. Es konnte nicht anders. Es rutschte los. Und wie auf einer Wasserrutsche schlitterte es nach vorne. Vorsichtig schaute es hinaus und dann sah es die Lampe. Und es kam der Zimmerlampe immer näher. Und dann sah es in der Lampe den glühenden Faden. Er war rot glühend und das Elektron hatte so eine dumme Vorahnung. Es mußte da durch.
Das Elektron wußte ja gar nicht wie es da durch mußte. Die Lampe hatte im inneren einen Faden, und der Faden war gedreht. Und als das Elektron da mit riesiger Geschwindigkeit reinsauste wurde ihm zum ersten Mal richtig schlecht. Es ging rundherum wie in einer Waschmaschine. Und immer wieder dengelte es gegen die Kaugummibälle. Und immer wieder fingen die heftig zu wackeln. Und nachdem das alle Elektronen so machten fingen die Kaugummibälle zu glühen an und machten Licht. Da die Lampe aber viel Licht machen sollte, war der Faden ganz lange und ganz feste gewendelt. Und deswegen bumste das Elektron ganz oft gegen die Kaugummibälle und als das Elektron endlich am Ende des Fadens ankam war es so durchgeschüttelt, dass es nicht mehr wußte wo oben und unten war. Es rutschte wieder das Kabel zurück und dann ging es in Richtung Lichtschalter. Noch immer drehte sich alles. Aber langsam konnte das Elektron wieder nach draußen schauen. Es rutschte quer durchs Haus. Links, rechts und nach unten. Immer wieder. Unten im Keller kamen von links und rechts weitere Rutschen dazu und die Rutsche des Elektrons wurde zu einer großen Rutsche. Nicht so eine in die nur ein Elektron paßte, sondern eine in die acht Elektronen paßten. Sie rutschten nun also zu acht nebeneinander. Und alle quietschen und lachten vor Vergnügen. Und so ging es immer weiter. Erst unter dem Garten durch und über die Straße. Dann kamen in einem Kasten wieder Rutschen dazu. Nun waren es schon ganz viele die nebeneinander rutschen. Und dann die Straße entlang. Nicht wirklich auf der Straße, eher unter der Straße. Aber immer noch ging es auf der Rutsche rasend schnell voran.
Das Elektron wunderte sich, wo es wohl hinkam. Wo hörte die Rutsche auf?
Immer wieder kamen große Rutschen dazu und immer weiter ging es nach unten. Inzwischen waren es schon so viele Elektronen, dass man es schon gar nicht mehr zählen konnte. Die Kaugummibälle waren nur noch oben und unten. Auf den Seiten waren gar keine mehr. Da waren nur noch andere Elektronen.
Das Elektron wunderte sich. „Wo wollen die alle hin?“
Als sie endlich aus der Stadt draußen waren, rutschten sie hoch oben durch die Luft. Über Äcker und Wiesen in diesen langen Leitungen, die da über die Masten gespannt waren.
„Ein Glück dass ich schwindelfrei bin“ sagte das Elektron.
„Ich komme aus einem tiefen Wegwerk. Ich war noch nie so hoch oben“ sagte das Elektron neben ihm und schien schon ein wenig grün zu sein.
Langsam merkte das Elektron, wie es langsamer wurde. Und ganz langsam kamen auch diese großen komischen Bäume immer näher. Es waren Bäume mit Flügeln drann.
„Was ist das?“ fragte das Elektron ohne zu erwarten, dass jemand eine Antwort gibt.
„Das sind Windräder“ antwortete unerwartet ein Elektron neben ihm.
„Und was machen die?“ fragte das Elektron neugierig.
„Das wirst du schon sehen.“
Immer langsamer wurde das Elektron und immer näher kamen die Windräder. Als das Elektron schon dachte es würde stehenbleiben, rutschte es mit letzter Kraft in ein Windrad hinein. Dort sah es einen riesigen Trichter.
„Was passiert jetzt? Fall ich da jetzt rein?“
„Ja“ sagte eine tiefe Stimme.
„Huch“ erschrak das Elektron „Wer bist du? Ich hab noch nie eine so tiefe Stimme gehört.“
„Ich bin das Windrad“
„Ui - und was machst du?“ neugierig schaute das Elektron nach draußen und sah, dass das Windrad sich ganz langsam drehte.
„Ich helfe euch, dass ihr wieder rutschen könnt.“ Antwortete die tiefe Stimme des Windrades
„Aber wie machst du das und warum drehst du dich so langsam?“ wollte das Elektron wissen.
„Nicht so viele Fragen auf einmal“ lachte die Windmühle. „Ich drehe mich so langsam, weil gerade kein Wind weht. Je mehr Wind kommt um so schneller kann ich mich drehen. Und wenn ich mich drehe mach ich Strom. Das sagen die Menschen zumindest. Aber für dich kleines Elektron ist das was ganz anderes. Laß dich einfach überraschen.“
Und dann kam das Elektron an den Rand. An den Rand des Trichters. Ganz tief runter ging es da. Immer wieder kam ein Elektron von der Seite vorbeigeschossen und quietschte vor Freude. Das Elektron fürchtete sich aber vor dem tiefen Loch. Doch als es sah, dass die anderen Elektronen mit einem „Jipee“ in die Tiefe hüpften, sprang es auch.
Es fiel und fiel und fiel. Es wußte schon gar nicht mehr wann das Fallen aufhören würde. Doch dann plumpste es in einen See aus Elektronen wie in ein weiches Kissen.
„Und was kommt jetzt?“ wunderte es sich.
„Jetzt kommt gerade gar nichts“ antwortete das Windrad. „Es weht nämlich kein Wind mehr.“ Und mit einem Knarrzen hörte es auf sich zu drehen.
„Kannst du nur arbeiten, wenn es wind gibt?“ fragte das Elektron neugierig.
„Ja, nur wenn der Wind durch meine Rotorflügel bläst und die sich drehen, dann kann ich euch rumsausen lassen.“
Das Elektron wunderte sich, was wohl mit rumsausen gemeint war, aber das Windrad redete einfach weiter.
„Aber wenn kein Wind weht, oder eine Reparatur ansteht, dann passiert nichts.“
Das Elektron dachte ein kurzes Weilchen nach. Aber ihm fielen keine Fragen mehr ein. Deshalb schaute es sich um.
„und was ist mit dem da drüben? Der dreht sich ja auch nicht!“ sagte es.
„Das ist ein neues Windrad. Das kann euch noch viel schneller rumwirbeln und das mit weniger Wind.“ Das Windrad seufzte. „Jedes Jahr gibt es bessere und bessere Windräder. Und schon nach weinigen Jahren wirst du abgebaut. Wie die da drüben.“
Das Elektron schaute sich um und es ah ein paar kleine Windräder mit Gerüsten dran.
„Ausgeschaltet und abgebaut. Es waren die ersten hier auf dem Hügel.“ Die Stimme klang traurig. „aber sie hatten sich schon schwer abschuften müssen, gegen die ganz Neuen. Die sind wirklich viel besser.“
Das Elektron war wirklich beeindruckt.
Doch ganz langsam begannen die Elektronen sich zu bewegen. Erst ganz langsam im Kreis und dann immer schneller.
„Der Wind kommt, der Wind kommt“ sang das Windrad.
Immer schneller drehten sich die Elektronen. Und ganz langsam begann das Elektron sich in die Höhe zu schrauben. Immer am Rand endlang und immer schneller.
„Wohoo“ schrie das Elektron.
Wie in einem riesigen Kreisel ging es immer weiter, immer schneller und immer höher. Auf einmal kam der Eingang daher gesaust. Da erinnerte es sich daran, dass es viele Jubelschreie gehört hatte und daher schrie es auch.
„Juchuu!!“
Und wie ein Blitz schoß der Eingang vorbei.
„Wo geht es jetzt wohl hin“ dachte das Elektron, da wurde es schon durch eine Luke hinausgeschleudert und sofort fühlte es, dass es sich wieder auf einer riesigen Rutsche befand. Neben ihm füllten sich die Plätze langsam mit anderen Elektronen und zusammen rutschten wie wieder los. Erst über die selben Leitungen hoch in den Masten. Dann kamen sie zu einer Stadt. Doch plötzlich trennte sich die Rutsche auf. Ein Teil ging nach rechts, der andere nach links. Das Elektron konnte sich nicht wirklich entscheiden wohin es wollte. Aber die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Genau in der hälfte wurden die Elektronen getrennt. Immer wieder kamen diese Teilungen und wieder verschwand das Elektron und die Elektronen neben ihm unter der Straße. Es waren nur noch sieben weitere, dann nur noch drei und dann nur noch eines. Kurz bevor es wieder in ein Haus rutschte trennten sich die beiden auch noch.
„Schon wieder ein Haus“ dachte sich das Elektron und war schon ganz aufgeregt, wo es heute wohl gebraucht werden würde.

Sonntag, 20. März 2011

Wasser

Das Elektron rutschte wieder einmal in den Keller, dann in das Erdgeschoß und dann in die Küche. Als es sich dort umschaute, standen dort viele Menschen rum. Mindestens drei. Zwei Große und ein Kleiner. Es wanderte durch die Wand und näherte sich dem Herd in der Mitte. Dort wurde ein großes Hähnchen gebraten.
„Ob ich wohl das Hähnchen mitbraten darf?“ fragte sich das Elektron. „Oder eher das Kraut?“ und schaute in den Topf, der auf dem Ofen stand.
Aber sein Weg führte ihn direkt in Richtung des Backofens. Und es ging immer langsamer voran.
Die Kaugummibälle waren schon wieder um es herum. Das Elektron streckte seine Hand aus. Sie waren hart und fest. So wie es das Kannte.
Aber kaum waren sie im Backofen wurden die Bälle weich. Das Elektron schaute raus und stellte fest, dass da so große Schlingen waren, wie Serpentinen im Gebirge. Es ging hin und her und her und hin. Immer wieder. Doch plötzlich kamen die Bälle immer näher. Da die Bälle weich waren, konnten sie sich viel mehr verknautschen als wie wenn die hart sind. Das Elektron stöhnte. Vorher war zwischen den Bällen eine Bahn frei gewesen, die ungefähr so groß war, wie es selbst. Und jetzt mußte es sich durch einen engen Tunnel quetschen. Es wußte nicht mal so genau, ob es da durch wollte, aber nachdem das Elektron vor ihm zog und das Elektron hinter ihm drückte, blieb ihm nicht anderes übrig als mitzugehen.
Es quetschte sich so langsam durch die Kaugummibälle, und obwohl die nachgaben, war es eng und rauh. Das Elektron hatte nie daran gedacht, dass die Oberfläche der Bälle wie ein Teppich war. Und genauso, wie wenn man die Hand ganz feste auf einem Teppich hin und herbewegt, wurde dem Elektron warum und wärmer. Es quetschte sich durch vier Kaugummibälle durch und wieder durch vier und wieder und wieder. Es war schon ganz außer Atem, aber die Kaugummibälle wurden nicht weniger. In einem kurzen Augenblick schaute es nach draußen und stellte fest, dass es noch nicht mal um die erste Kurve rum war. Und die Bälle wurden immer Wärmer und es kam ihm so vor, als würden sie anfangen zu glühen.
„Naja“ dachte es bei sich „die können sich nicht mal bewegen. Die müssen immer an derselben Stelle bleiben - die Armen.“
Immer wieder schaute das Elektron nach draußen, wie weit es schon gekommen war. Noch acht Kurven, noch sieben. Die Hitze war die Hölle. Aber dann stellte es fest, dass dem Hähnchen sicher auch schon ganz warm sein mußte. Ja - es wurde auch langsam schon braun.
„Hey. Kann es sein, dass wir das Hähnchen aufwärmen?“ freute es sich. Und da es endlich sah, warum es sich da durch die Bälle quälen mußte, war das alles gar nicht mehr so schlimm.
Es konnte sich einfach drüber freuen, dass es ein Teil davon war, das das Essen für die Menschen machte. Es war dafür zuständig, dass das Hähnchen braun wurde.
Und schon quetschte es sich viel lieber durch die Kaugummibälle. Nur noch drei Kurven, nur noch zwei. Und als die letzte Kurve hinter ihm lag, wurden die Bälle langsam wieder fester und das Elektron konnte sich wieder leichter durch sie hindurchbewegen.
„Uff“ machte das Elektron hinter ihm „Das war ein hartes Stück Arbeit.“
Dem konnte das Elektron nur zustimmen, aber es war glücklich wenigstens ein bißchen helfen zu können. Gerade fing es an, sich zu überlegen, warum diese Menschen eigentlich kochten oder sich gar ein Hähnchen zubereiteten, da fing es langsam wieder an zu rutschen. Es rutschte wieder in den Keller, dann wieder unter der Straße durch und dann wieder über das Land in den Leitungen auf den hohen Masten.
Diesmal ging es aber nicht wieder zurück zu dem Windrad, sondern es ging in die Berge. Das Elektron fühlte sich gleich viel besser, immerhin war es ja aus einem Berg gekommen. Aber was wollen sie in den Bergen?
Das Elektron überlegte ob es da oben auch Windräder gab. Immerhin gab es auf den Bergen ja auch festen Wind. Manchmal war es früher nach ganz oben gewandert und da war immer Eis und Schnee und Wind.
Aber dann sah das Elektron eine vier große Röhren, die den Berg hinaufgingen. Und die Röhren waren ziemlich lang. Viel länger als die Windräder hoch waren. Und nach einer Weile, in der das Elektron den Berg hinauf rutschte, kamen sie an einen See.
Doch dann stoppte das Elektron. Es war, als wie wenn jemand die Rutsche vorne einfach hochgehoben hätte. Es ging einfach nicht mehr weiter.
„Aua“ sagte das Elektron vor ihm, als das Elektron ihm draufdengelte.
Und „Uff“ sagte es selbst, als das Elektron dahinter das selbe mit ihm machte.
Was war passiert, warum wurde schon wieder angehalten? War das nicht beim Windrad schon so passiert? Aber hier gab es kein Windrad. Warum wurde dann angehalten?
„Was ist los?“ fragte das Elektron vorsichtig.
„Kein Wasser mehr“ hörte es wieder eine tiefe Stimme. Sie klang anders als die vom Windrad.
„Wofür braucht ein Windrad Wasser?“ wunderte sich das Elektron laut.
„Keine Ahnung“ antwortete die tiefe Stimme „aber ich bin kein Windrad.“
Das Elektron kannte bisher aber nur das Windrad und wunderte sich „Was bist du dann?“
„Ich bin ein Wasserrad. In einem Wasserkraftwerk“
Da war das Elektron richtig überrascht. Ein Wasserrad.
Es kannte Wasser bisher nur als Regen.
„Regnet es hier wirklich so viel?“
„Mit Regen hat das nichts zu tun“ lachte das Wasserrad.
„Aber das Windrad hatte was mit wehendem Wind zu tun und du als Wasserrad müßtest doch was mit Regen zu tun haben“ das Elektron war verwirrt.
„Mit Wasser schon, aber nicht mit Regen.“ Das Wasserrad holte tief Luft. „ich bekomme Wasser aus dem See.“
Das Elektron schaute nach draußen und sah eine große Wasserpfütze. „Das große ding da draußen?“
„Ja, und über dir ist noch eines.“
„Mmm, ok“ dachte das Elektron laut „und wie funktioniert das?“
„Normalerweise fließt das Wasser von oben nach unten in den Röhren. Und wenn das Wasser an mir vorbeikommt, dann dreht sich damit ein Rad. Früher waren das Mühlräder, jetzt bin ich das. Und ich mache dann den Strom.“ Das Wasserrad machte wieder eine Pause und erzählte dann weiter „Aber wenn kein Strom gebraucht wird und zuviel da ist dann Schaufel ich das Wasser einfach wieder nach oben.“
Jetzt war das Elektron überrascht. „Du schaufelst das Wasser nach oben? Was soll das denn bringen?“
„Das ist wie eine große Batterie. Immer wenn Strom gebraucht wird, mache ich mit dem Wasser Strom indem das Wasser von oben nach unten fließt. Und wenn genug da ist, dann lade ich mich wieder auf indem ich das Wasser nach oben pumpe, damit es später wieder nach unten fließen kann.“
Dem Elektron kam das logisch vor. Aber da fiel ihm wieder das Windrad ein. „Und wenn du alt bist, oder du nicht mehr gebraucht wirst?“
„Dann werd ich entweder ausgetauscht und gegen ein neues Wasserrad ersetzt oder einfach abgebaut. Und dann fließt der Fluß wieder so, wie er vorher geflossen ist.“
„Hier war ein Fluß?“ wunderte sich das Elektron.
Doch bevor es eine Antwort bekam, ruckelte es schon wieder. Langsam rutschte es nach vorne. Doch dann stoppte es wieder.
„He“ beschwerte sich das Elektron.
Und sofort ging es wieder los. Und stoppte sofort wieder. Immer wieder ruckelte es. Das Elektron hopperte die Leitung entlang.
„Wwwaaasss ssooolll ddaass“ stotterte es.
„Anlaufschwierigkeiten“ entschuldigte sich Wasserrad. „Da ist wohl noch etwas Luft in der Leitung. Aber jetzt geht’s.“
Und mit einem Mal flutschte das Elektron los. Es rutschte wieder zu dem großen Trichter, aber im Gegensatz zum letzten Mal, wurde es sofort in die Höhe gerissen und am Rand entlang geschleudert. Es sauste immer schneller werdend am Rand entlang, wie in einer Achterbahn. Auch diesmal kam es am Eingang vorbei und auch diesmal schrie es „Jipee“, aber schon kurz danach wurde es in den Eingang geschleudert.
„Das ging diesmal aber viel schneller“ japste es.
„Was war denn dein erstes mal?“ fragte das Elektron neben ihm.
„Das erste Mal war ich bei einem Windrad.“
„Das ist auch ein kleiner Stromerzeuger.“ Klärte ihn das andere Elektron auf. „Das Wasserkraftwerk hat viel mehr Kraft.“
Das Elektron murmelte irgend etwas undeutlich „Windrad hat weniger Kraft als Wasserrad. Aha, ok“
„Warte nur mal - du wirst schon sehen. Da gibt es noch ganz andere Kraftwerke.“
Aber bevor es irgendeine weitere Frage stellen konnte, teilten sich schon wieder die Wege. Das andere Elektron rutschte nach links, es selbst nach rechts.
„Bis bald“ wollte es noch rufen, aber dann war es sich gar nicht mehr sicher, ob es das andere Elektron je wiedersehen würde. Hatte es schon je ein Elektron wiedergesehen? Es konnte die anderen auch überhaupt nicht unterscheiden. Und wie es so nachdachte, schaute es nach draußen und stelle fest, dass sie sich wieder über die großen Masten und den Leitungen, die daran befestigt waren, der Stadt näherten.

Samstag, 19. März 2011

Sonne

Wieder flutschte das Elektron durch viele Rutschbahnen quer durch die Stadt. Erst über den Feldern, dann unter den Straßen. Das Elektron freute sich schon darauf, wieder irgend etwas zu tun. Wie schon die letzten male wurden aus den vielen Elektronen immer weniger. Immer wieder teilten sich die Rutschen und immer wieder wurden Elektronen neben ihm abgezwackt. Aus den hundert nebeneinander rutschenden Elektronen wurde am Ende immer nur noch eines.
Diesmal war es aber anders.
Das Elektron rutschte nicht wie üblich in ein Wohngebäude sondern kam in ein Stadtviertel, wo überhaupt keine Wohnhäuser waren. Da gab es nur ganz komische lange Häuser. Es gab keinen Baum, ja nicht mal grüne Wiesen. Nur graue Gebäude.
Inzwischen waren sie noch zu neunt. Neun Elektronen nebeneinander und so rutschten sie in ein großes Gebäude hinein. Nicht mal in den Keller sondern in das Erdgeschoß.
Das Elektron wunderte sich, doch dann wurden sie in drei verschiedene Rutschen zerrissen.
„Warum sind wir noch drei? Normalerweise sind wir doch immer alleine. Wie im Gänsemarsch.“ Wunderte sich das Elektron. „Und wo sind wir hier?“
Das Elektron neben ihm antwortete „Das ist eine Fabrik. Und hier wird so viel Strom benötigt, dass wir nicht alleine sondern zu dritt sind.“
Das Elektron war beeindruckt. So viel Strom. Wofür wird das wohl benötigt?
Aber seine Gedanken wurden durch das Bild, das es sah unterbrochen. Im Inneren des Gebäudes gab es ein riesiges Förderband. Das lief quer durch den Raum. Von ganz vorne bis ganz hinten. Und neben dem Band lief das Stromkabel entlang.
Das Elektron rutschte mit seinen beiden Nachbarn bis zum Anfang des Bandes. Das ging so schnell, dass das Elektron gar nicht sehen konnte was auf dem Band eigentlich abging.
Als es endlich am Anfang angekommen war, sah es ein riesiges Zahnrad. In der Mitte des Zahnrades war eine Stange durch und die Stange ging auf die andere Seite. Das Elektron dachte, dass wahrscheinlich dort wieder ein Zahnrad dran war. Aber bevor das Elektron sich das alles vorstellen konnte wurde es in das Zahnrad gepreßt. Eigentlich war es anders herum. Das Zahnrad, oder besser die Zähne wurden zwischen die Elektronen gedrückt und dann hörte es eine Stimme hinter ihm.
„Drücken“
Da das Elektron gar nicht wußte, was drücken ist, wußte es auch nicht was es machen sollte. Es wußte nicht wie wohin und warum es drücken sollte. Aber das andere Elektron fing an nach vorne zu schubsen und das hinter ihm auch.
„Es macht ja auch keinen Sinn auf eine Rutsche nach hinten zu drücken“ dachte sich das Elektron, stemmte seine Arme nach vorne und begann feste nach vorne zu schieben. Und siehe, das Zahnrad bewegte sich langsam nach vorne. Alleine hätte es das nie geschafft, dieses große Rad zu drehen, aber mit so viel anderen ging es. Zusammen schafften sie es.
Sie drehten das Rad ganz langsam und als sie einmal halb herum waren, gingen auch die Zahnradzacken wieder weg. Sofort begannen alle Elektronen wieder zu rutschen. Sie rutschten an dem Förderband entlang und aus der Fabrik heraus. Als sie wieder den Himmel sahen, schien von ganz da oben ein helles Licht. Außen herum war alles Blau. Das Elektron wunderte sich, warum ihm das noch nie aufgefallen war. Aber als es über die großen Masten gerutscht war, war der Himmel fast immer weiß gewesen.
Es rutschte wieder unter die Straße und es erwartete, dass es bald wieder hoch oben über die Felder rutschte, aber das geschah diesmal nicht. Am Anfang, als sie aus der Fabrik rauskamen, waren sie noch zu dritt, und bald zu sechst, aber kaum waren sie quer durch die Stadt gerutscht, teilten sie sich wieder. Normalerweise kamen jetzt weitere Elektronen hinzu und sie rutschten in riesig breiten Reihen über die Erde, aber diesmal war das Elektron alleine, als es wieder in ein Haus kam.
„Hey, wie kann das sein? Ich muß doch in ein Kraftwerk!“ beschwerte sich das Elektron.
„Kommst du doch“ hörte es wieder die tiefe Stimme eines Kraftwerks reden.
„Hui“ wunderte sich das Elektron „was bist du denn für ein Kraftwerk?“
„Ein Sonnenkraftwerk. Man nennt mich auch Solarzelle“ klärte das Kraftwerk das Elektron auf.
Das war neu für das Elektron. Es kannte ja inzwischen schon ein paar Kraftwerke, aber das hier war ihm neu. Es war jetzt richtig neugierig was hier wohl passieren würde.
Langsam wurde die Rutschpartie immer langsamer und das war das eindeutige Zeichen dafür, dass es wohl bald zu Ende sein würde.
Es ging immer weiter nach oben, bis das Elektron auf dem Dach angekommen war. Dort waren dunkle Platten angebracht.
„Sind das die Solarzellen?“ fragte das Elektron.
„Ja“ antwortete das Kraftwerk.
Und schon wurde das Elektron in einen großen Raum geschubst. Es hatte sich so darauf konzentriert, sich die Solarzellen anzusehen, dass es gar nicht darauf geachtet hatte, was das Elektron vor ihm gemacht hatte.
Da stand es nun. Unter ihm waren viele der großen Kaugummibälle, die Wände des Raums waren weit weg und die Kaugummibälle über ihm waren auch ganz schön weit weg. Es war ja so, dass normalerweise die Bälle immer um es herum waren. Jetzt fühlte sich das Elektron richtig alleine. Und es wußte immer noch nicht, was es machen sollte. Es schaute sich um und ganz langsam merkte es, wie der Boden unter ihm immer wärmer wurde. Es machte kleine Hüpfer von links nach rechts und von rechts nach links. Aber es half nichts. Es wurde wärmer und wärmer. Und bei jedem Sprung federte das Elektron höher und höher, wie auf einem Trampolin. So langsam fand das Elektron Spaß daran. Mit einem „Jipee“ sprang es immer höher und höher. Die Kaugummibälle wurden weicher und weicher. Und dann sah es die Decke.
„Ob ich das wohl schaffe?“ dachte es bei sich und setzte zu einem riesigen Sprung an. Es versuchte ganz feste nach unten zu kommen und dann sprang es so fest es konnte in die Höhe.
Mit letzter Kraft kam es oben an und innerlich jubelte es. Doch dann geschah etwas seltsames. Als es sich darauf gefaßt machte, wieder nach unten zu fallen , war es als würde es von einer unsichtbaren Glasplatte aufgehalten. Das Elektron rutschte zur Seite auf einen kleinen Auslaß zu, den es vorher noch gar nicht gesehen hatte.
Und dann rutschte es wieder los.
„Hey das war ja cool“ sagte es.
„Find ich auch. Diese Solarzellen machen echt am meisten Spaß.“ Stimmte das Elektron hinter ihm zu.
Und wieder ging die Reise los.
„Mal schauen wo ich heute hinkomme“ freute sich das Elektron und rutschte erst durch das Haus und dann unter die Straße.

Freitag, 18. März 2011

Feuer

Das Elektron wunderte sich, als es wieder in die Stadt zurückrutschte. Es war unter der Strasse gerutscht und dann diesen lange gefolgt. Aber als es aus der Stadt draußen war, machte es kehrt und rutschte wieder zurück.
„Na ja“ dachte es bei sich „bisher hab ich immer in der Stadt etwas tun müssen, aber ich dachte, dass ich gleich hier bleibe.“
Es schüttelte noch den Kopf als es zu einem komischen großen Platz kam. Da war kein Haus drauf - kein Haus wie es das bisher gesehen hatte. Und auch keine Fabrik, wie das letzte Mal. Da waren nur schwarze, rote, gelbe und weiße Metallschachteln. Es waren Metallschachteln in allen Farben. Das Elektron wunderte sich, was das wohl ist.
Und in der Mitte stand ein Häuschen und vor dem Haus war ein großes Dach und da standen die Metallschachteln in langen Schlangen davor. Ganz langsam rutschte das Elektron in das Haus.
„Einmal Säule acht“ sagte ein Mann und ein kleines Kind quengelte.
„Wo bin ich nun?“ fragte sich das Elektron.
„An einer Tankstelle“ antwortete ein anderes Elektron weiter vorne.
„Eine Tankstelle?“ wunderte es sich „Und was machen wir hier?“
„Hier werden die Fahrzeuge der Menschen mit Energie versorgt. Und dies ist sogar eine Besondere.“ Belehrte ihn das Elektron.
„Eine Besondere? Was ist hier besonders?“
„Hier gibt es sogar einen Stromanschluß für Elektroautos.“
Dem Elektron sagte das gar nichts. Es wußte nicht was normale Autos und was Elektroautos sind. Aber weil es nicht als ganz dummes Elektron dastehen wollte, sagte es lieber nichts.
Es wunderte sich nur, dass wieder einmal nichts voranging. Es rutschte keinen Millimeter mehr.
Es schaute den Autos zu, wie sie sich in der Schlange einreihten, dann so einen Rüssel in ihr Auto steckten und dann wieder weiterfuhren. Es sah komisch aus, aber anscheinend mußte es so sein.
Und dann ging auf einmal alles ganz schnell. Eines der Autos fuhr nicht zu der Schlange, sondern daneben hin. Es steckte ein Kabel in das Auto und schon sauste das Elektron los. In einem Affenzahn rutschte das Elektron in das Auto hinein. Und innen drinnen sah es ganz komisch aus.
Die Kaugummibälle waren nur unten. Oben und auf der Seite war kein einziges. Nicht wie in dem Kabel, in dem es die ganze Zeit rumrutschte. Dort waren immer überall Kaugummibälle. Links, rechts, oben und unten.
Das Elektron hielt sich an einem Kaugummiball fest, weil es Angst hatte, dass es wegfliegen würde. Und langsam hüpften immer mehr Elektronen zu ihm dazu. Der ganze Boden war mit Elektronen voll. Soweit das Auge blickte konnte es nur Elektronen sehen.
„Und wo sind wir jetzt? Was ist denn das hier? Das hab ich ja noch nie erlebt.“ Fragte das Elektron leise, doch da es umringt war von lauter anderen Elektronen antworteten ihm auf einmal hundert andere Elektronen. Sie sprachen alle durcheinander, so dass das Elektron gar nichts verstehen konnte.
Auf einmal bewegte sich das Auto. Aber das Elektron rutschte überhaupt nicht.
„Klasse, ich kann mich auch so bewegen.“ freute es sich. Bisher war es ja immer nur durch verschiedene Kabel gerutscht. Es kannte es ja gar nicht anders.
Es versuchte zu erkennen, was es hier machen sollte. Ein Hähnchen grillen? Eine Glühbirne zum Leuchten bringen? Das Elektron war irgendwie verwirrt.
Doch auf einmal passierte etwas seltsames. Wie ein Staubsauger kam von oben ein ganz großer Sog. Ganz schnell hielt es sich unten an dem Kaugummiball fest, aber das Elektron neben ihm war anscheinend zu langsam gewesen und mit einem Mal flog es nach oben weg.
„Hilfe“ schrie es. Und das „Hilfe“ wurde immer leiser.
Das Elektron war so verunsichert, dass es am liebsten zu weinen angefangen hätte, aber es hatte ja keine Augen und daher konnte es ja auch nicht weinen.
Immer wieder kam in den nächsten Tagen der Staubsauger und immer wieder wurde eines der Elektronen nach oben gesogen. Immer weniger waren hier bei ihm. Erst war noch alles voller Elektronen und nun waren nun noch ganz wenige. Das Elektron wußte nicht, ob im Arm immer weniger Kraft war, oder ob der Sauger immer stärker wurde. Aber es wußte, dass der Sauger immer öfters vorbeikam. Je weniger Elektronen da waren, desto öfters kam der Sauger.
Und auf einmal war es soweit. Der Sauger war gerade wieder vorbeigegangen und das Elektron schüttelte sich gerade den Arm aus als es ganz plötzlich wieder losging.
Es hatte keine Chance mehr. Es wurde nach oben gezogen. Das Elektron schrie „Hilfe“ aber es half nichts. Immer weiter und weiter flog es nach oben.
Und plötzlich bumste es gegen eine weiche Decke.
„Hallihallo“ sagte das Elektron, das bis vor einiger Zeit neben ihm unten auf dem Boden war und jetzt wieder neben ihm an der Decke hing.
„Wahnsinn“ staunte das Elektron „Da seid ihr ja alle wieder.“
Und wie am Anfang fingen alle Elektronen gleichzeitig das reden an. Es verstand nicht ein einziges, nur aus den Wortfetzen schloß es, dass sich die anderen auch über seine Ankunft freuten.
„Und wo sind wir jetzt?“ flüsterte es dem Elektron neben ihm zu.
„In einer Batterie.“ Flüsterte es zurück.
„Was ist eine Batterie?“ wunderte sich das Elektron.
Und das andere Elektron erklärte „in einer Batterie wird Strom gespeichert. Sie wird also an eine Leitung angeschlossen und dann rutschen da ganz viele Elektronen rein. Und immer wenn wir gebraucht werden, dann müssen wir nach oben. Und wenn wir alle oben sind, dann ist die Batterie leer und wir werden wieder in die Leitung zurückgestoßen und neue Elektronen werden wieder unten am Boden eingesammelt.“
„Das ist ja toll.“
„Eigentlich schon“ meinte das andere Elektron „und diese Batterien gibt es in allen Größen und Formen.
Ich war schon in Einer, die hat Krach gemacht - das nannten die Menschen CD-Player und in Einer, die hat Bilder gemalt. Ganz schnell. Die nannten das Photo. Aber ich hab nicht verstanden wie das genau funktioniert.“
Das Elektron fühlte sich total elektrisiert! Was es noch alles zu entdecken gab. Und es dachte, es hatte schon viel gesehen.
Und auf einmal fühlte es sich auf die Seite gestoßen.
Das war es, was das andere Elektron gemeint hatte. Es kam aus der Batterie raus. Und sofort rutschte es wieder auf einer Rutsche schon langsam hinter einer Reihe anderer Elektronen her.
Es versuchte noch seinen neuen Freund zu finden, aber irgendwie waren alle Elektronen gleich.
Traurig verließ es die Tankstelle und machte sich auf den Weg. Über grüne Wiesen und Flüsse, kleine Hügel und Täler rutschte es, nahm es aber gar nicht war. Und dann sah es einen großen Stab mitten in der Landschaft. Aber es war kein Windrad, denn aus dem Stab kam nur dreckige Luft. Je näher das Elektron kam desto höher war der Stab. Und es stellte fest, dass es sich dabei um einen Schornstein handelte. Genauso wie ihn Häuser oben auf dem Dach hatten, nur viel größer.
„Was ist den das?“ fragte es sich.
„Das ist ein Gaskraftwerk“ antwortete eine tiefe Stimme.
„Ein Gaskraftwerk?“ wiederholte das Elektron fragend.
„Ja ein Gaskraftwerk“ bestätigte das Kraftwerk noch einmal.
„Und wie machst du Strom?“ fragte das Elektron.
„Warst du schon mal in einer Küche? Damit wäre das viel leichter zu erklären.“ Fragte das Kraftwerk.
„Ja, war ich“ sagte das Elektron und dachte an die Küche, in der es den Braten aufgewärmt hatte.
„und du hast da sicher auch einen Topf gesehen. Einen mit Deckel indem Wasser gekocht wird. Für Nudeln zum Beispiel?“
Das Elektron dachte kurz nach. Es konnte sich nicht mehr daran erinnern. Es war nur einmal in einer Küche gewesen und da war es ja für den Ofen zuständig.
„Weiß ich nicht“ antwortete es wahrheitsgemäß.
„Also“ fing das Kraftwerk mit tiefer Stimme an zu erklären „in dem Topf befindet sich Wasser. Und das Wasser wird warm gemacht.“
Soweit konnte das Elektron dem Kraftwerk noch folgen.
„Und wenn das Wasser warm ist, fängt es an zu kochen. Es blubbert ganz feste und dann entsteht ganz viel Dampf.“
Daran konnte sich das Elektron nicht erinnern, aber das machte nichts. Vorstellen konnte es sich das.
„Und wenn man in den Deckel dann ein kleines Loch macht, dann kommt da der ganze Dampf raus. Und wenn du vor das Loch ein kleines Windrad stellst, so eines, das man auch im Garten hinstellen kann und das sich so lustig dreht, dann dreht sich das Rad ganz schnell.“
Jetzt war das Elektron überfordert. Ein kleines Windrad hatte es noch nie gesehen. Aber es würde einmal aufpassen, wenn es wieder dort wäre.
„Und genauso wie das große Windrad, das du ja schon kennst, kann auch das kleine Windrad Strom erzeugen.“ Beendete das Kraftwerk seine Erklärung.
„Aha“ sagte das Elektron. „Bei dir sind also ganz viele Kochtöpfe drinnen und viele von den kleinen Windrädern.“ Und es stellte sich einen riesigen Herd vor, auf dem mindestens zehn Kochtöpfe standen und überall waren diese kleinen Windräder.
„Nein“ lachte das Kraftwerk. „Bei mir gibt es nur einen großen Kessel. Und der ist nur ganz wenig mit Wasser gefüllt. Es geht ja darum Wasser zum Kochen zu bringen und nicht Nudeln weich zu machen. Und unter dem Kessel ist keine Herdplatte sondern ganz viele Gasbrenner. Wobei“ und das Kraftwerk machte eine kleine Pause „uns gibt es auch mit Kohle oder Öl.“
„Kohle, Öl und Gas? Was ist das?“
„Das sind brennbare Dinge, die tief aus der Erde kommen. Und wenn man die anzündet, werden die ganz warm.“
Das Elektron war beeindruckt. Da fiel ihm wieder der Schornstein ein. „und mußt du immer so einen Dreck machen?“ fragte es ganz ungeniert.
Das Kraftwerk meldete sich eine Weile nicht mehr. War es eingeschnappt? Oder mußte es erst nachdenken?
„Nein“ sagte es leise „Ich mache nur den Dreck, wenn keine Sonne und kein Wind da sind. Da bin ich nämlich ausgeschalten.“
Das Elektron verstand. Wenn die Sonne schien, arbeiteten die Sonnenkraftwerke auf den Häusern und wenn Wind wehte, dann drehten sich die Windräder. Und wenn beides nicht da war, dann mußte das Öl, Gas oder Kohlekraftwerk arbeiten. Denn Strom würde ja immer gebraucht.
„Und außerdem bin ich ein altes Kraftwerk“ sagte das alte Kraftwerk „die neuen und jungen machen fast gar keinen Dreck mehr.“
Da war das Elektron erleichtert. Das Kraftwerk tat ihm fast ein bißchen leid. Wenn es nämlich ein altes Kraftwerk war, wurde es wahrscheinlich demnächst abgebaut und dann konnte es gar keinen Strom mehr machen - auch keinen dreckigen mehr.
„Na komm. Jetzt bin ich schon mal da. Dann fang mal an Strom zu machen und beschleunige mich“ meinte das Elektron aufmunternd.
Und just in diesem Moment kam eine dunkle Wolke und klaute den Sonnenkraftwerken die Sonne und das Gaskraftwerk fing an zu arbeiten und das Elektron rutschte langsam in das Kraftwerk hinein, fiel wieder in den großen Kessel und wurde herumgewirbelt. Erst langsam und dann immer schneller und höher. Wie bei allen anderen Kraftwerken auch. Und mit einem „Juhuu“ rutschte es wieder in die Leitung zurück.
„Wo ich heute wohl hinkomme?“ dachte es bei sich, als es hoch droben über grüne Wiesen und Bäche dahinrutschte.

Donnerstag, 17. März 2011

Uran

Und wieder rutschte das Elektron in die Stadt hinein. Anfangs noch über die großen Masten, dann ging es unter die Erde. Und wie immer waren anfangs noch viele Elektronen neben ihm, doch dann wurden es immer weniger. Wie auf den Straßen, auf denen die Menschen mit ihren Autos fuhren. Soviel hatte es inzwischen gelernt. Dort gab es auch Autobahnen auf denen ganz viele Autos in die gleiche Richtung fuhren. Dann gab es die Landstraßen auf denen nicht mehr ganz so viele, aber immer noch eine ganze Menge unterwegs waren. Und in der Stadt, da gab es Straßen, da fuhren fast gar keine mehr. Vor allem in den Vierteln, wo die Menschen wohnten. Genauso ging es dem Elektron. Je näher es zu den Wohngebieten kam, desto weniger andere Elektronen rutschten mit ihm zusammen durch die Leitung.
Am Ende hatte es keine Nachbarn mehr. Nur noch ein anderes Elektron vor ihm und davor noch eines und davor auch. Das Selbe war hinter ihm. Eine endlose Reihe von Elektronen. Und so blieb es, als es wieder in ein großes Haus hineinrutschte. Aber diesmal war es kein Normales Haus, sondern ein Hochhaus mitganz vielen Wohnungen drinnen. Und es dauerte eine Weile bis es vom Keller in eine Wohnung kam.
„Wie hoch kann man eigentlich raufrutschen?“ dachte es bei sich. Es hatte in seinen Reisen unter der Straße in den Städten nämlich schon viele Hochhäuser gesehen. Und dieses war eines der kleineren. Aber wenn es an die großen Hochhäuser in der Stadtmitte dachte, die fast schon den Himmel berührten, dann mußte es ganz schön hoch hinauf.
Diesmal stoppte das Elektron gar nicht, sondern rutschte gleichmäßig die Leitung entlang. Es wunderte sich, denn normalerweise stoppte es immer wieder mal, weil ein Schalter an und ausgemacht wurde. Wie beim Licht, oder beim Ofen. Aber diesmal war es nicht so.
„Komisch ist das. Ist das Teil immer an?“ murmelte es leise vor sich hin.
„Ja“ kam eine Stimme von ganz vorne „Ich bin immer an. Ich bin nämlich ein Kühlschrank“
„Hui“ freute sich das Elektron, obwohl es gar nicht wußte warum. Es kannte ja bisher noch gar keinen Kühlschrank. Es hatte hin und wieder schon mal einen gesehen. Das erste mal in der Küche und das eine Mal in der Fabrik auch. Aber es selbst war noch nie bei einem gewesen und hatte noch nie einem geholfen.
„und was machst du?“ aber in dem Moment fiel ihm ein, dass die Frage eigentlich doof war, denn was sollte ein Kühlschrank schon machen außer kühlen.
„Ich halte die Sachen, die in mich reingestellt werden, kühl.“ Antwortete der Kühlschrank dennoch.
Das Elektron überlegte kurz - es wollte ja nicht schon wieder so eine dumme Frage stellen.
„Und wie machst du das?“ es fand, dass diese Frage schon viel besser war.
Es dauerte eine Weile, bis der Kühlschrank antwortete. „Das ist gar nicht so einfach. Aber ich versuche es dir mal zu erklären.“ Begann der Kühlschrank. „in mir drinnen sind ganz viele Rohre, wie Wasserrohre. Und draußen auch.“
Das Elektron stellte sich die Rohre wie im Keller die Rohre vor. Ganz viele, die von Links nach Rechts, von Vorne nach Hinten und von Unten nach Oben laufen.
„Und“ fuhr der Kühlschrank fort „drinnen sind die Rohre ein wenig größer, damit sie alle Wärme im Kühlschrank aufnehmen können und draußen sind sie kleiner, damit sie die Wärme abgeben können.“
Und wieder versuchte sich das Elektron das vorzustellen. Aber irgendwie klappte das nicht so. „Äh“ sagte es deshalb.
„Stell dir mal vor, das Wasser ist ein Lappen und die Wärme Wasser. Wenn du ihn ausbreitest, kann da ganz viel Wasser aus dem Wasserhahn rein. Und wenn du ihn ganz klein machst und auswringst kommt das ganze Wasser wieder raus. Im Kühlschrank wird er ganz groß, damit der die Wärme aufnimmt und dann wird er durch die kleinen Rohre gequetscht, damit das ganze Wasser rauskann.“
Jetzt konnte das Elektron sich das vorstellen. „Aber dann wird der Kühlschrank hinten ja ganz naß.“
Da lachte der Kühlschrank. „Das war doch nur ein Beispiel.“ Und ernst sprach er weiter „Aber du hast recht. Hinter mir wird es ziemlich warm, weil ich ja die Wärme aus dem Inneren rausbekommen muß.“
Das ganze Gespräch über war das Elektron auf den Kühlschrank zugerutscht. Und auf einmal wurde es wieder in eine enge Röhre gepreßt. Die Kaugummibälle kamen auf einmal wieder ganz nah zusammen. Das Elektron hätte normalerweise seinen Bauch eingezogen und sich ganz klein gemacht, aber es war schon so klein, dass es das nicht mehr machen konnte. Statt dessen wurde es zwischen die Bälle gequetscht. Und als es dachte, es ging gar nicht mehr weiter, schubste es das Elektron hinter ihm.
„Ist das anstrengend“ jammerte das Elektron.
„Wir sind gleich durch.“
„Ja schon, aber warum müssen wir hier durch?“
„Die Wärme beschleunigt die Flüssigkeit. Damit fließt die schneller durch die Rohre.“
Das Elektron verstand. Und weil es leichter ist etwas zu machen, wenn man weiß warum, strengte sich das Elektron gleich viel mehr sich an durch die Kaugummibälle zu quetschen.
Und wirklich, es waren noch wenige Minuten, dann war es vorbei. Das Elektron begann wieder in Richtung des Kellers zu rutschen. Da hörte es einen Knall.
„Oh man. Können die den Kühlschrank nicht zu lassen?“ maulte der Kühlschrank. „Dann muß ich immer so feste arbeiten. Die warme Luft, die warmen Speisen. Immer wieder von vorne.“
Das Elektron hätte gerne den Kopf geschüttelt, wenn es denn einen Kopf gehabt hätte. „Hey, das ist dein Job“ und es war schon fast aus dem Haus raus, als es ein „Jajaja - das weiß ich auch“ hörte.
Wieder rutschte es durch die verschiedensten Leitungen unter der Stadt durch und wieder kamen langsam immer mehr andere Elektronen dazu.
„Mal schaun in welches Kraftwerk ich diesmal komme“ dachte es bei sich. Und wie es hoch droben über den Wiesen und Feldern dahinglitt sah es in der Ferne einen riesigen Turm. Der Turm war fast genauso breit wie hoch und eine Menge hellgrauer Rauch stieg von ihm auf.
„Boah, so eines hatte ich noch nie!“ sagte es.
„Echt?“ wunderte sich ein Elektron neben ihm. „Na dann laß dich mal überraschen.“
Wieso sollte es sich überraschen lassen? Das Elektron wunderte sich das Elektron. Was war an dem Kraftwerk so interessant? War es was Besonderes?
Es rutschte dem Kraftwerk näher und näher und stellte fest, dass daneben eine halbrunde Kuppel stand. Wie ein aufgeschnittener und umgedrehter Ball. Den hatte das Elektron schon oft beim Spielen der Kinder und im Garten liegen gesehen. Meistens waren die bunt angemalt, aber das hier war grau.
„Wahnsinn - das ist ja richtig groß“ staunte es.
„Und alles ist Beton. Dicker Beton.“ Sagte eine tiefe Stimme.
„Hey - bist du das Kraftwerk?“ freute sich das Elektron.
„Ja, das bin ich“ antwortete es in gelangweiligtem Tonfall.
Und wieder wunderte sich das Elektron. Normalerweise freuten sich die Kraftwerke, wenn sie was erzählen konnten. Neben sich hörte es ein leises kichern.
„Warum hast du so einen großen Turm neben dir?“
„Das ist mein Kühlturm. Ich bin so heiß, dass ich ganz viel Kühlung brauche“
Irgendwie fand das Elektron, dass das Kraftwerk nicht besonders gerne redete. Da es selbst aber tierisch neugierig war, fragte es einfach weiter.
„Das heißeste was ich bisher kenne ist ein Gaskraftwerk. Und so heiß kannst du gar nicht sein.“
Da hörte es einen tiefen Schnaufer. „Das Gaskraftwerk ist gar nichts. Ich bin mindestens doppelt so heiß. Ich bin so heiß, dass wenn ich ein Herd wäre und du einen Topf mit Wasser auf mich stellen würdest, würde der sofort anfangen zu kochen.“
Das Elektron war beeindruckt. Das war wirklich heiß.
„Und du wirst auch immer wieder ein und ausgeschaltet? Wie das Gaskraftwerk?“
Da lachte das Kraftwerk. „Nein. Man kann mich zwar ein und ausschalten, aber ich brauche zwei Tage um auszugehen. Wenn ich zum Beispiel eine Glühbirne wäre und du die anschaltest, bräuchte sie zwei Tage um hell zu werden, und erst nach zwei Tagen wäre sie wieder dunkel.“
„Das ist ja total unpraktisch“ fand das Elektron.
„Ich finde das toll. Ich bin eigentlich immer an, weil es sich nicht lohnt mich auszuschalten.“
Das Elektron dachte kurz nach. Irgendwo mußte doch ein Haken sein.
„Und wie wirst du so warm?“
„Mit Uran. Das wird auch ganz tief aus dem Berg geholt und ist extrem giftig und gefährlich“
Da bekam es das Elektron mit der Angst zu tun. „Gefährlich“
Aber das Kraftwerk lachte nur. „Aber doch nicht für dich. Für die Menschen. Für die Kinder und die Erwachsenen.“
„Aber warum verbuddeln sie es dann nicht? Ganz tief in der Erde!“
„Das wollen sie ja, aber sie haben noch nicht die richtige Stelle gefunden.“
„Und trotzdem machen sie weiter?“ Das Elektron konnte das alles nicht glauben.
„Ja. Und ich finde das toll. Sie mögen mich und sie brauchen mich. Sie machen alles, damit es mir gut geht“ freute sich das Kraftwerk. Doch dem Elektron ging das zu weit.
„Du bist gefährlich, du machst die Menschen kaputt, und du bist unpraktisch. Man sollte dich abbauen.“
„Das können sie nicht. Ich kann nicht einfach so kaputt gemacht werden. Das dauert 30 Jahre und kostet Unmengen von Geld.“
Da war das Elektron baff. Nicht mal wenn die Menschen das schädliche und gefährliche Kraftwerk abschalten sind sie es schnell los. Warum hatten sie es dann nur gebaut. Haben die nicht nachgedacht?
„Siehst du kleines Elektron - wir werden uns noch oft wiedersehen. Ich werde hier noch ganz lange stehen, weil ich unkaputtbar bin.
Irgendwie mochte das Elektron das Kraftwerk nicht. Es war eingebildet. Es machte ihm keinen Spaß in das Kraftwerk hineinzurutschen, es machte ihm keinen Spaß herumgeschleudert zu werden, es schrie auch nicht „Juhuu“ als es wieder in die Rutsche reingeschleudert wurde.
Es wurde erst wieder fröhlich als es weit weg von dem Kraftwerk war und an seine bevorstehende Aufgabe dachte.
„So ein doofes Kraftwerk“ murmelte es.
„Tja, aber es hat halt leider recht“ bemerkte eines der anderen Elektronen neben ihm.
Das Elektron rutschte über die grünen Wiesen und blauen Flüsse, über Straßen mit lauter Autos und Sportplätzen mit spielenden Kindern. Es verstand die Welt nicht mehr. Dieses Urankraftwerk konnte das alles zerstören und trotzdem durfte es weitermachen. Das durfte doch eigentlich nicht sein.
Langsam rutschte es wieder unter die Straßen und wieder wurden die Elektronen getrennt. Immer wieder kam eine Abzweigung, an der andere Elektronen verschwanden um ihre Aufgaben zu erfüllen.
Es selbst rutschte erst fast in die Mitte der Stadt und dann wieder an den Rand zurück bis es zu einem großen Bau kam. Es war keine Fabrik sondern so was wie eine Kommandozentrale.
„Mal etwas ganz anderes“ dachte es als es durch den Keller in das Gebäude reinrutschte.
In einem großen Raum standen riesige Fernseher, in der Mitte waren Schalttafeln angebracht und nur wenige Menschen saßen davor und tranken Kaffee.
Das Elektron rutschte in eine Schalttafel. Auf der waren Linien und bunte Knöpfe angebracht.
„Was ist das?“ fragte es laut ohne eine Antwort zu erwarten.
„Das ist ein Bild der Stromversorgung“ sagte die Tafel. „Her sind alle Stromleitungen der Stadt aufgezeichnet. Und die Kraftwerke.
Interessiert schaute sich das Elektron das ganze Bild an und erkannte die Zusammenhänge. Dicke Linien führten von den blauen, roten und gelben Knöpfen zu Knoten zusammen.
„Die Knoten sind die Abzweigungen“ erklärte die Tafel.
Ganz langsam rutschte das Elektron zu einem gelben Licht.
„Und von den Abzweigungen geht es dann in die Stadt. Zu Wohnhäusern, zu Fabriken und zu allem anderen, das Strom braucht.
Das Elektron schaute sich die Linien nach den Kreuzungen an. Immer wieder waren Knoten zu sehen und nach den Abzweigungen wurden die Linien dünner. Und am Ende waren viele Kästchen mit Zahlen.
„Was sind das für Zahlen?“ fragte es.
„Die Zahlen zeigen an wie viel Strom gerade gebraucht wird. Und wenn ganz viel gebraucht wird, dann werden Abzweigungen angeschalten und wenn nur wenig gebraucht wird, dann werden sie wieder abgeschalten. Genauso wie mit den Kraftwerken. Auch die werden über die Knöpfe abgeschalten, dann geht das Licht aus und wieder angeschalten, dann geht auch das Licht wieder an“ erklärte die Tafel weiter.
Das Elektron rutschte ganz nah an das gelbe Licht heran, als einer der Menschen aufstand und in seine Richtung ging.
„Wofür stehen eigentlich die Farben der Kraftwerke?“
„Die blauen Lichter sind Wasserkraftwerke“
Das Elektron dachte an das Wasserkraftwerk. Es war ein riesiges Kraftwerk, mitten in den Bergen. Und hier war es nur ein kleiner blauer Knopf, den man drücken konnte.
„Die Roten sind die Windkraftwerke“ erzählte die Tafel weiter, die von den Gedanken des Elektrons natürlich nichts mitbekommen hatte.
Der Mensch streckte seine Hand aus und drückte den gelben Knopf. Sofort blieb das Elektron stehen und bewegte sich keinen Millimeter mehr weiter.
„Ich will hier nicht stehenbleiben“ dachte es bei sich. „Ich will weiterrutschen und noch viele Abenteuer erleben“
„Wofür stand der gelbe Knopf noch mal?“ fragte es leicht aufgeregt die Tafel.
„Der gelbe Knopf steht für ein Urankraftwerk.“
Da bekam es das Elektron mit der Angst zu tun. Wenn es wirklich wollte, dass das böse, eingebildete und gefährliche Kraftwerk nie wieder angeschaltet werden sollte, mußte es selber in Kauf nehmen, sich nie wieder weiterzubewegen. Es konnte keine Häuser und Fabriken mehr sehen. Und auch die anderen tollen Gebäude, wie Schulen, Krankenhäuser oder Polizeistationen konnte er nicht mehr sehen.
Das war wirklich eine schwere Entscheidung.
Aber eigentlich war es keine Entscheidung. Das Urankraftwerk war abgeschaltet worden.

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Driton (Gast) - 19. Aug, 20:42
Danke für diese...
Danke für diese tolle Geschichte. Hat sehr Spaß...
Moritz Bauer (Gast) - 21. Okt, 15:36
Vielleicht findest du...
Vielleicht findest du hier die Antwort auf deine Frage:...
Rete (Gast) - 6. Sep, 10:45
Offline lesen
Letztes Jahr habe ich mit zwei wirklich kreativen Menschen...
Goodnitestory - 26. Jan, 09:12
Grausam
Im allgemeinen wirkt Ihre Geschichte sehr gelungen,...
Nathalie (Gast) - 9. Sep, 00:33

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